leben ist nur ein anderes wort für auftaustufe

Prozessfragment

Ich weiß nicht, wohin der Weg mich führt. Ich treib mich durch die labyrinthische Landschaft, durch die Kargheit des Tages, die was von Dasein, Seele, Leben säuselt, nichts davon sickert ins Herz. Längst bin ich von der asphaltierten Straße abgegangen, den geometrischen Reiselinien, verwundene Zeitstrahlen, angedockt an die Phantasmen des Ewigen. Vor mir, hinter mir, bald zu allen Seiten, sehe ich zwei durcheinander besteinten Streifen in die  Wiesengründe hinein abfallen, durchschnitten von einem Scheitel aus Gras. Jeder Schritt auf den Steinen wie das Geräusch zerkauten Popcorns, ein von beinahe anrührender Adrettheit geschliffenes Knirschen , das mich zurückversetzt zu meinen ersten cineastischen Erlebnissen – und es waren die mächtig hohen Leinwände, die ein Stück Welt hineintauchten in unbestimmtes Glimmen träumerischer Faszination, auf den Grenzen zu wandeln zwischen Wirklichem und Erdachtem. 
An einer Kurve greife ich nach der Drachenschnur eines Eindrucks, der auffliegt wie ein aufgestörtes Tier aus den lichtgrünen Gräsern und röstbraunen Halmen, jäh und steil. Eine heruntergekommene Stuga beschattet jetzt die in Regen eingeweichte Landschaft. Ihr Rückgrat leicht geneigt wie der Kopf eines ungläubig Fragenden, die Haut, insbesondere die Wangen erinnern noch an eine einstige gesunde, erdbeerige Röte, zerblättert in die Blässe einer Zeit, da es sein Dasein fristet am Rand eines unseligen Wachstums, das sein Spiegelbild nicht erkennt und daher eingleisig ist, sein muss, das seine Bahn sucht und immer wieder findet. Das Haar aufgesetzt wie ein aufgeschobenes Buch, ausgeschüttet die Innereien aus Wörtern und Sätzen und Buchstaben, bleiben hängen an Holzbalken, kleben fest an der muffigen, alten Farbe, bleiben liegen auf dem betagten Fenstersims, herbstwelk an den Rändern und hier und da zu einem milchigen Grau staubbedunstet. Und erst jetzt, in dieser Wortlosigkeit finde ich ein Tagebuch, es ist das Tagebuch der Zeit. Es gibt uns keine Worte, erwidert nicht den unerwarteten Impuls, den geweckten Wunsch, vielmehr offenbart es uns, zu allen Seiten hin geöffnet, die Dynamik, das Prozesshafte des Lebens, nimmt uns weg das Spielzeug der Illusion vom geschlossenen Körper, einem Körper, dem nichts fehlt, ohne Risse und Spalten komplett, der unvergänglich ist und deshalb unbesiegbar. Alles ist im Fluß. Wir haben Boote, aber es gibt keine Ruder, gibt kein Ufer.

26.9.14 10:20
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(24.5.16 00:51)
ich bin sehr verliebt in sie

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